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Warum Geschwister aus einer Familie so verschieden sind

Dieselben Eltern, derselbe Küchentisch, dieselben Ferien. Trotzdem liebt ein Geschwisterkind den Plan, das andere die Überraschung. Viele Familien kennen dieses Bild, und die Forschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten damit.
Der klassische Befund. 1987 stellten die Psychologen Robert Plomin und Denise Daniels eine einfache Frage: Warum sind Kinder derselben Familie so verschieden? 1 Ihre Übersicht nannte die Umwelt, die jedes Kind für sich erlebt (zum Beispiel Freunde und die Art, wie Eltern und Geschwister jedes Kind behandeln), als wichtigste Quelle der Umweltunterschiede bei Persönlichkeit. 1
Auf dem Papier fast Fremde. Adoptivgeschwister, die zusammen aufwachsen, korrelieren bei Persönlichkeitsmerkmalen nahe null, im Mittel etwa 0,04. 1 Leibliche Geschwister erreichen etwa 0,12 bis 0,16, eineiige Zwillinge etwa 0,47. 1 Ein gemeinsames Dach schafft gemeinsamen Boden und lässt jeder Persönlichkeit ihren eigenen Raum.
Korrelation: 0 = so verschieden wie zufällig gewählte Menschen, 1 = identisch. Je länger der Balken, desto ähnlicher. Quelle: 1
Rechnet man die Gene heraus, wirken Geschwister oft so ähnlich wie zwei zufällige Menschen. Eine Meta-Analyse von 43 Studien formuliert es so: Bei kontrollierter genetischer Ähnlichkeit wirken Geschwister häufig etwa so ähnlich wie zufällig aus der Bevölkerung gewählte Personen. 2
Eine offene Frage, und genau das macht sie spannend. Dieselbe Meta-Analyse fand, dass die messbaren individuellen Einflüsse im Median etwa zwei Prozent der Unterschiede erklären. 2 Die Autorinnen und Autoren betonen: Das lässt die individuelle Umwelt weiterhin wichtig erscheinen, die Ursachen dahinter bleiben offen. 2 Welche Einflüsse den Ausschlag geben, ist damit ein offenes Forschungsfeld.
Geburtsreihenfolge, ein beliebter Verdächtiger. Eine bekannte Geschichte sagt: Erstgeborene sind verantwortungsvoll, Jüngste rebellisch. In einer großen Studie mit 20.186 Menschen aus den USA, Großbritannien und Deutschland blieben Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Fantasie über alle Geburtspositionen gleich. 3 Bei der Intelligenz zeigt sich eine kleine Verschiebung von rund 1,5 IQ-Punkten je Geburtsposition. 3 Insgesamt erklären Familienmerkmale wie die Geburtsreihenfolge nur einen kleinen Anteil (1 bis 5 Prozent) der Unterschiede. 1
Ein Muster weit über Familien hinaus. Unterschiede innerhalb einer Gruppe sind oft größer als der Abstand zwischen den Gruppendurchschnitten. Ein gut dokumentiertes Beispiel liefert eine Übersicht von 46 Meta-Analysen zum Geschlecht: Die meisten Unterschiede waren klein oder nahe null, und die Streuung innerhalb eines Geschlechts war viel größer als zwischen den Geschlechtern. 4 Das ist ein Beispiel aus einem anderen Feld; für Familien tragen die Quellen 1 und 2 den Beleg.
Yin und Yang als Bild. Das alte chinesische Bild von Yin und Yang beschreibt zwei Gegensätze, die einander formen. Als Bild (eine Anschauungshilfe) passt es gut zu Geschwistern: Die Unterschiede machen das Paar reicher. (Einordnung: Bild)
Was das für euch bedeutet.
- Unterschiede zwischen Geschwistern sind normal und gut belegt. 1 2
- Das gemeinsame Zuhause erklärt weniger, als viele erwarten; welche Erlebnisse am meisten zählen, wird weiter erforscht. 1 2
- Gemeinsame Erlebnisse, etwa ein Abenteuer zu zweit, schaffen gemeinsamen Boden. (Einordnung: Empfehlung)
Quellen
- Plomin, R. & Daniels, D. (1987). Why are children in the same family so different from one another? Behavioral and Brain Sciences 10(1). Gelesen als Reprint: Int J Epidemiol 40(3), 2011, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3147063/
- Turkheimer, E. & Waldron, M. (2000). Nonshared environment: a theoretical, methodological, and quantitative review. Psychological Bulletin 126(1), 78–108. DOI 10.1037/0033-2909.126.1.78
- Rohrer, J. M., Egloff, B. & Schmukle, S. C. (2015). Examining the effects of birth order on personality. PNAS 112(46), 14224–14229. DOI 10.1073/pnas.1506451112
- Hyde, J. S. (2014). Gender similarities and differences. Annual Review of Psychology 65. DOI 10.1146/annurev-psych-010213-115057
Einordnung: Studien und Originalquellen sind benannt; Bilder und Empfehlungen sind als solche gekennzeichnet.




