Station 4 · Wissen

Gleiche Gene, eigene Wege

· Lesezeit etwa 3 Minuten

Zwei Säuglinge in weißen Hauben liegen nebeneinander in einer reich verzierten Wiege
Salomon de Bray: Die Zwillinge Clara und Aelbert de Bray, 1646. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons (Web Gallery of Art). Zwei Kinder, zwei eigene Gesichter.

Eineiige Zwillinge starten mit denselben Genen. Trotzdem bleiben sie eigene Menschen, und die Forschung zeigt, warum.

Zwillinge als Naturexperiment. Eineiige Zwillinge teilen ihre Gene, zweieiige Zwillinge teilen Gene wie andere Geschwister auch. Der Vergleich beider Paararten zeigt, wie viel Gene und Lebenserfahrung jeweils beitragen.

Ähnlich und doch verschieden. In einer Übersicht über zehn Studien lag die durchschnittliche Persönlichkeitskorrelation bei eineiigen Zwillingen bei etwa 0,47, bei zweieiigen bei etwa 0,23. 3 Gene machen also einen Unterschied, und 0,47 liegt noch weit von 1,0, also von „identisch", entfernt. Die Daten stammen aus den 1980er Jahren.

Wie ähnlich sind sich Zwillinge in der Persönlichkeit?
  • Zweieiige Zwillinge0,23
  • Eineiige Zwillinge0,47

Korrelation: 0 = so verschieden wie zufällig gewählte Menschen, 1 = identisch. Durchschnitt aus zehn Studien der 1980er Jahre. Quelle: 3

Fünfzig Jahre Zwillingsforschung. Eine Meta-Analyse wertete 17.804 Merkmale aus 2.748 Veröffentlichungen aus. Über alle Merkmale liegt die durchschnittliche Erblichkeit bei etwa 49 Prozent. 1 Gene und Lebenserfahrung wirken zusammen. Die Zahl ist ein Durchschnitt über sehr verschiedene Merkmale.

50 Jahre Zwillingsforschung in Zahlen
17.804Merkmale in der Meta-Analyse
2.748Veröffentlichungen
≈ 49 %durchschnittliche Erblichkeit über alle Merkmale

Quelle: 1

Drei Gesetze. Eric Turkheimer fasste die Befunde 2000 in drei Gesetzen zusammen: Alle menschlichen Verhaltensmerkmale sind erblich; der Effekt, in derselben Familie aufzuwachsen, ist kleiner als der Effekt der Gene; ein erheblicher Teil der Unterschiede bei komplexen Merkmalen liegt jenseits von Genen und Familie. 2 Er betont auch, dass Zwillingsstudien ein nützlicher methodischer Abkürzungsweg sind und die Frage offenlassen, ob Gene grundlegender sind als Umwelten. 2

Turkheimers drei Gesetze der Verhaltensgenetik (sinngemäß übersetzt)
GesetzAussage
1Alle menschlichen Verhaltensmerkmale sind erblich.
2Der Effekt, in derselben Familie aufzuwachsen, ist kleiner als der Effekt der Gene.
3Ein erheblicher Teil der Unterschiede bei komplexen Merkmalen liegt jenseits von Genen und Familie.

Wörtlich im Original: Turkheimer (2000). Quelle: 2

Auch Gene lassen Spielraum. Junge eineiige Zwillinge tragen sehr ähnliche epigenetische Markierungen; mit den Jahren entwickeln sich ihre Muster auseinander. Ältere Paare zeigten deutliche Unterschiede in der DNA-Methylierung und im Ablesen von Genen. 4 Ein Kommentar im selben Heft beschreibt bei älteren Paaren etwa viermal größere Unterschiede im Genablesen als bei jungen. 5 Wie weit diese Unterschiede die Persönlichkeit erklären, ist offen.

Epigenetik bei eineiigen Zwillingen
jungsehr ähnliche epigenetische Markierungen
älterdeutliche Unterschiede bei DNA-Methylierung und Genablesen
≈ 4×größere Unterschiede im Genablesen bei älteren Paaren (Kommentar)

Quelle: 4 5

Wie man die Zahlen liest. Erblichkeit beschreibt, wie sich Unterschiede innerhalb einer Gruppe erklären lassen, zu einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten Umwelt. Sie ist ein Maß für Gruppen.

Ein Bild für Geschwister. (Einordnung: Bild zur Veranschaulichung.) Zwei Wandernde starten am selben Wegweiser und wählen verschiedene Pfade; beide sind unterwegs. Zwillinge sind das engste Beispiel, und Geschwister überhaupt bringen einen eigenen Start und einen eigenen Weg mit.

Was das für euch bedeutet.

  • Gene und Lebenserfahrung wirken zusammen; erst gemeinsam erklären sie einen Menschen. 12
  • Selbst Zwillinge mit denselben Genen werden zu eigenen Persönlichkeiten. 34
  • Gemeinsame Erlebnisse sind ein Ort, an dem verschiedene Wege sich treffen. (Einordnung: Empfehlung)

Quellen

  1. Polderman, T. J. C. et al. (2015). Meta-analysis of the heritability of human traits based on fifty years of twin studies. Nature Genetics 47(7), 702–709. DOI 10.1038/ng.3285
  2. Turkheimer, E. (2000). Three laws of behavior genetics and what they mean. Current Directions in Psychological Science 9(5), 160–164. (Volltext-Kopie: https://www.joelvelasco.net/teaching/3334/turkheimer-2000-three-laws-of-behavior-genetics-and-what-they-mean.pdf)
  3. Plomin, R. & Daniels, D. (1987; Nachdruck 2011). Why are children in the same family so different from one another? International Journal of Epidemiology 40(3), 563–582. DOI 10.1093/ije/dyq148. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3147063/
  4. Fraga, M. F. et al. (2005). Epigenetic differences arise during the lifetime of monozygotic twins. PNAS 102(30), 10604–10609. DOI 10.1073/pnas.0500398102
  5. Martin, G. M. (2005). Kommentar zu Fraga et al. im selben Heft, PNAS 102(30). https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1180801

Einordnung: Studien und Originalquellen sind benannt; Bilder und Empfehlungen sind als solche gekennzeichnet.