Station 3 · Wissen

Der Geburtsreihenfolge-Mythos: Erstgeborene, Mittlere, Jüngste

· Lesezeit etwa 2 Minuten

Fünf Kinder mit großem Hund: drei Ältere stehen, ein Kleinkind sitzt auf dem Schoß einer Schwester, daneben ein Säugling
Anthony van Dyck: The Five Eldest Children of Charles I, 1637 (Royal Collection). Gemeinfrei, via Wikimedia Commons / Google Art Project. Die Reihenfolge nach Alter ist gut zu sehen. Über den Charakter verrät sie wenig.

„Das älteste Kind ist verantwortungsvoll, das mittlere vermittelt, das jüngste liebt die Bühne." Fast alle kennen diese Rollen, und viele Menschen nennen sofort eine Familie, in der sie perfekt passen. Genau deshalb hält sich die Geschichte so lange.

Ein fairer Test braucht viele Menschen. Wenige Familien lassen sich leicht auf eine schöne Geschichte zurechtbiegen. Eine Studie von 2015 (Julia Rohrer, Boris Egloff, Stefan Schmukle) nutzte drei nationale Panels mit 20.186 Menschen aus den USA, Großbritannien und Deutschland. 3

Zwei Blickwinkel. Das Team verglich Menschen aus verschiedenen Familien (17.030 Personen) und Geschwister innerhalb derselben Familie (3.156 Personen). 3 Der Blick innerhalb der Familie hält das Zuhause konstant, sodass die Geburtsposition allein steht.

20.186 Menschen aus drei Ländern
  • Verglichen zwischen Familien: 17.030
  • Verglichen innerhalb einer Familie: 3.156

Aus den USA 5.240, Großbritannien 4.489 und Deutschland 10.457 Menschen. Quelle: 3

Was gleich blieb. In beiden Sichtweisen blieben Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Fantasie über alle Geburtspositionen gleich. 3

Was sich mit der Geburtsposition ändert
MerkmalUnterschied nach Geburtsposition
Extraversiongleich
Emotionale Stabilitätgleich
Verträglichkeitgleich
Gewissenhaftigkeitgleich
Fantasiegleich
Intelligenzkleine Verschiebung: rund 1,5 IQ-Punkte je Position

Quelle: 3

Was sich ein wenig verschob. Die Intelligenz verändert sich um rund 1,5 IQ-Punkte je Geburtsposition. 3 Bei Geschwisterpaaren innerhalb einer Familie hatte das ältere Kind in 6 von 10 Fällen den höheren IQ, das jüngere in 4 von 10. 3 Das ist eine kleine Tendenz und sagt über einen einzelnen Menschen wenig.

Geschwisterpaare innerhalb einer Familie: wer hatte den höheren IQ?
  • Das ältere Kind (6 von 10 Fällen)
  • Das jüngere Kind (4 von 10 Fällen)

Quelle: 3

Weitere große Stichproben zeigen in dieselbe Richtung. Eine Studie mit Project-Talent-Daten (rund 377.000 US-Schüler) fand einen mittleren Zusammenhang von 0,02 mit der Persönlichkeit und 0,04 mit der Intelligenz. 5 Eine Folgeanalyse mit Specification-Curve-Methode bestätigte den kleinen Intellekt-Effekt und fand bei acht engeren Merkmalen, darunter Lebenszufriedenheit, Vertrauen, Risikobereitschaft, Geduld und politische Orientierung, Effekte nahe null. 6

Noch größere Stichproben, dasselbe Bild
≈ 377.000US-Schüler in der Project-Talent-Studie
0,02mittlerer Zusammenhang mit der Persönlichkeit
0,04Zusammenhang mit der Intelligenz
8engere Merkmale mit Effekten nahe null

Quelle: 5 6

Warum die Rollen sich trotzdem richtig anfühlen. Menschen haben feste Überzeugungen über Geburtsränge. 7 Damian und Roberts erklären: Geburtsrang und Alter gehen immer zusammen, so wirkt der Alltag wie eine Bestätigung, und eigene Erfahrung wiegt schwerer als Daten. 8

Spielerische Rollen, freie Wahl. Die Geburtsreihenfolge taugt als schöner Gesprächsanlass. Als Rezept dafür, wer ein Mensch wird, hat sie wenig Gewicht. Die Geschwister in eurer Familie bringen ihre eigene Mischung an Stärken mit.

Was das für euch bedeutet.

  • Die Geburtsposition erklärt in großen Studien nur wenig von der Persönlichkeit. 35
  • Die eigene Rolle in der Familie gestaltet jede Person selbst, unabhängig von der Altersfolge.
  • Im Spiel Birthday Quest gehört der Daumen dem Geburtstagskind, egal wer das älteste ist; die vier anderen Finger bekommen je eine Stärke. (Einordnung: Spielidee)

Quellen

  1. Rohrer, J. M., Egloff, B. & Schmukle, S. C. (2015). Examining the effects of birth order on personality. PNAS 112(46), 14224–14229. DOI 10.1073/pnas.1506451112. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4655522/
  2. Damian, R. I. & Roberts, B. W. (2015). The associations of birth order with personality and intelligence in a representative sample of U.S. high school students. Journal of Research in Personality 58, 96–105. DOI 10.1016/j.jrp.2015.05.005
  3. Rohrer, J. M., Egloff, B. & Schmukle, S. C. (2017). Probing birth-order effects on narrow traits using specification-curve analysis. Psychological Science 28(12), 1821–1832. DOI 10.1177/0956797617723726
  4. Herrera, N. C., Zajonc, R. B., Wieczorkowska, G. & Cichomski, B. (2003). Beliefs about birth rank and their reflection in reality. Journal of Personality and Social Psychology 85(1), 142–150. DOI 10.1037/0022-3514.85.1.142
  5. Damian, R. I. & Roberts, B. W. (2015). Settling the debate on birth order and personality. PNAS 112(46), 14119–14120. DOI 10.1073/pnas.1519064112. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4655556/

Einordnung: Studien und Originalquellen sind benannt; Bilder und Empfehlungen sind als solche gekennzeichnet.