Station 3 · Wissen
Der Geburtsreihenfolge-Mythos: Erstgeborene, Mittlere, Jüngste

„Das älteste Kind ist verantwortungsvoll, das mittlere vermittelt, das jüngste liebt die Bühne." Fast alle kennen diese Rollen, und viele Menschen nennen sofort eine Familie, in der sie perfekt passen. Genau deshalb hält sich die Geschichte so lange.
Ein fairer Test braucht viele Menschen. Wenige Familien lassen sich leicht auf eine schöne Geschichte zurechtbiegen. Eine Studie von 2015 (Julia Rohrer, Boris Egloff, Stefan Schmukle) nutzte drei nationale Panels mit 20.186 Menschen aus den USA, Großbritannien und Deutschland. 3
Zwei Blickwinkel. Das Team verglich Menschen aus verschiedenen Familien (17.030 Personen) und Geschwister innerhalb derselben Familie (3.156 Personen). 3 Der Blick innerhalb der Familie hält das Zuhause konstant, sodass die Geburtsposition allein steht.
- Verglichen zwischen Familien: 17.030
- Verglichen innerhalb einer Familie: 3.156
Aus den USA 5.240, Großbritannien 4.489 und Deutschland 10.457 Menschen. Quelle: 3
Was gleich blieb. In beiden Sichtweisen blieben Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Fantasie über alle Geburtspositionen gleich. 3
| Merkmal | Unterschied nach Geburtsposition |
|---|---|
| Extraversion | gleich |
| Emotionale Stabilität | gleich |
| Verträglichkeit | gleich |
| Gewissenhaftigkeit | gleich |
| Fantasie | gleich |
| Intelligenz | kleine Verschiebung: rund 1,5 IQ-Punkte je Position |
Quelle: 3
Was sich ein wenig verschob. Die Intelligenz verändert sich um rund 1,5 IQ-Punkte je Geburtsposition. 3 Bei Geschwisterpaaren innerhalb einer Familie hatte das ältere Kind in 6 von 10 Fällen den höheren IQ, das jüngere in 4 von 10. 3 Das ist eine kleine Tendenz und sagt über einen einzelnen Menschen wenig.
- Das ältere Kind (6 von 10 Fällen)
- Das jüngere Kind (4 von 10 Fällen)
Quelle: 3
Weitere große Stichproben zeigen in dieselbe Richtung. Eine Studie mit Project-Talent-Daten (rund 377.000 US-Schüler) fand einen mittleren Zusammenhang von 0,02 mit der Persönlichkeit und 0,04 mit der Intelligenz. 5 Eine Folgeanalyse mit Specification-Curve-Methode bestätigte den kleinen Intellekt-Effekt und fand bei acht engeren Merkmalen, darunter Lebenszufriedenheit, Vertrauen, Risikobereitschaft, Geduld und politische Orientierung, Effekte nahe null. 6
Warum die Rollen sich trotzdem richtig anfühlen. Menschen haben feste Überzeugungen über Geburtsränge. 7 Damian und Roberts erklären: Geburtsrang und Alter gehen immer zusammen, so wirkt der Alltag wie eine Bestätigung, und eigene Erfahrung wiegt schwerer als Daten. 8
Spielerische Rollen, freie Wahl. Die Geburtsreihenfolge taugt als schöner Gesprächsanlass. Als Rezept dafür, wer ein Mensch wird, hat sie wenig Gewicht. Die Geschwister in eurer Familie bringen ihre eigene Mischung an Stärken mit.
Was das für euch bedeutet.
- Die Geburtsposition erklärt in großen Studien nur wenig von der Persönlichkeit. 35
- Die eigene Rolle in der Familie gestaltet jede Person selbst, unabhängig von der Altersfolge.
- Im Spiel Birthday Quest gehört der Daumen dem Geburtstagskind, egal wer das älteste ist; die vier anderen Finger bekommen je eine Stärke. (Einordnung: Spielidee)
Quellen
- Rohrer, J. M., Egloff, B. & Schmukle, S. C. (2015). Examining the effects of birth order on personality. PNAS 112(46), 14224–14229. DOI 10.1073/pnas.1506451112. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4655522/
- Damian, R. I. & Roberts, B. W. (2015). The associations of birth order with personality and intelligence in a representative sample of U.S. high school students. Journal of Research in Personality 58, 96–105. DOI 10.1016/j.jrp.2015.05.005
- Rohrer, J. M., Egloff, B. & Schmukle, S. C. (2017). Probing birth-order effects on narrow traits using specification-curve analysis. Psychological Science 28(12), 1821–1832. DOI 10.1177/0956797617723726
- Herrera, N. C., Zajonc, R. B., Wieczorkowska, G. & Cichomski, B. (2003). Beliefs about birth rank and their reflection in reality. Journal of Personality and Social Psychology 85(1), 142–150. DOI 10.1037/0022-3514.85.1.142
- Damian, R. I. & Roberts, B. W. (2015). Settling the debate on birth order and personality. PNAS 112(46), 14119–14120. DOI 10.1073/pnas.1519064112. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4655556/
Einordnung: Studien und Originalquellen sind benannt; Bilder und Empfehlungen sind als solche gekennzeichnet.




